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Frühjahrstagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung: "Jenseits des Lustprinzips"

Die Frühjahrstagung 2021 der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) wird vom Mainzer Psychoanalytischen Institut ausgerichtet. Sie findet online über die Pfingsttage statt. Die Tagung wird sich mit Fragen des Wiederholungszwangs und des Todestriebs beschäftigen. Der berühmte Text Freuds wird hundert Jahre nach seiner Entstehung hinsichtlich seiner theoretischen und klinischen Aktualität befragt.

2020 jährte sich die Veröffentlichung von Freuds komplexer und in ihrer Rezeptionsgeschichte immer wieder als herausfordernd und widersprüchlich charakterisierten Schrift zum 100. Mal. Die Corona-Pandemie erforderte die Verschiebung der Frühjahrstagung, die ursprünglich dem Jubiläum Rechnung tragen sollte. Auch wenn wir inzwischen 101 Jahre danach angekommen sind, ist die Schrift – nicht zuletzt im Kontext der Pandemie - von ungebrochener Aktualität.

Jenseits des Lustprinzips kennzeichnet einen Wendepunkt in Freuds Denken, die Abkehr vom Modell des Lust-Unlust-Prinzips hin zu der Annahme eines grundlegenden Konflikts zwischen Lebens- und Todestrieb. In der Rezeption der Schrift wird stets auf den zeithistorischen Kontext ihrer Entstehung verwiesen unter der Annahme, Freud habe unter den Eindrücken des ersten Weltkrieges nach innerseelischen Erklärungen für das Phänomen Krieg, für Massenmord und Destruktion gesucht und auf diesem Hintergrund sein Konzept des Todestriebes entwickelt.

Das bis heute nicht unumstrittene Konzept des Todestriebes, von Freud hinsichtlich seiner Ableitungen selbst bezweifelt, erfährt in der Gegenwart unter soziokulturellen, ökologischen und klinischen Aspekten eine bisweilen bedrückende Aktualität, mit der wir nicht nur tagtäglich medial konfrontiert sind, sondern die uns in der Vielgestaltigkeit seelischer Krankheit (deren Destruktivität als Manifestation des Todestriebes verstehbar ist) in unserer klinischen Arbeit begegnet. Dabei hat die erlebte Allgegenwärtigkeit destruktiver Phänomene, die zu verstehen „100 Jahre danach“ klinisch wie gesellschaftlich bedeutsam erscheint, unsere Wahl für die Auseinandersetzung mit Freuds Arbeit wesentlich bestimmt.

Diese Tagung möchte der Vielschichtigkeit der Schrift unter theoretischer, klinischer, soziokultureller und ästhetischer Perspektive Rechnung tragen. So wird uns Elfriede Löchel im ersten Hauptvortrag anhand ihrer persönlichen Rezeptionsgeschichte an die Komplexität von Jenseits des Lustprinzips heranführen. Mit der kleinianischen Konzeption des Todestriebes befasst sich der Vortrag von David Bell, und Franco de Masi wird sich in seinem Vortrag mit der Frage der klinischen Anwendbarkeit des Todestriebkonzepts auseinandersetzen. In den Foren und Arbeitsgruppen wird neben der vertiefenden Diskussion der Kerngedanken von Jenseits des Lustprinzips Raum sein für die Darstellung klinischer Manifestationen der Konzepte Todestrieb und Wiederholungszwang in Sexualität und körperlicher Symptombildung, aber auch ihrer Anwendbarkeit auf gesellschaftliche und institutionelle Prozesse.

Im Kontext der aktuellen berufspolitischen Situation, bestimmt von umfassenden Veränderungen der Ausbildung zum Psychotherapeuten und der damit verbundenen ungewissen Zukunft der Ausbildungsinstitute sowie der Stellung der Psychoanalyse im Gesundheitssystem, erlebt sich auch unsere Profession derzeit im Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Endzeitstimmung. Die Foren zur Forschung, zur Nachwuchsförderung, und zur Berufspolitik laden dazu ein, sich mit notwendigen Veränderungsprozessen auseinanderzusetzen.

Der öffentliche Vortrag des Soziologen Stephan Lessenich wird sich mit den destruktiven Kräften der spätmodernen Gesellschaft befassen und uns damit eine erweiterte Perspektive für das Wechselspiel von Destruktions- und Restitutionsprozessen vermitteln.

Trotz der besonderen äußeren Umstande und des neuerlich notwendigen Online-Formats freuen wir uns, Sie bei unserer Tagung wiederzusehen und wünschen Ihnen und uns eine interessante und anregende Tagung sowie einen lebendigen Austausch.

Stefanie Keßeler-Scheler (Institutsleiterin des mpi) und Valérie Bouville (Vorsitzende der DPV)

 

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